Klischee

Neulich war ich in Kopenhagen.

Vier Tage verbrachten Silke und ich in der dänischen Hauptstadt; vier Tage, die neben der Besichtigung der vielen sehenswerten Sehenswürdigkeiten (daher die Bezeichnung) auch die Gelegenheit boten, mit der Vorstellung aufzuräumen, die Dänen wären die glücklichsten Menschen der Welt. Das wird nämlich immer wieder in diversen Studien behauptet. Sagt zumindest der Reiseführer.

Ich bin ziemlich der letzte, der dazu neigt, Leute in einen Topf zu werden. Aber Menschen, die mit sich selbst und der Welt zufrieden sind, sollten doch eigentlich auch freundlich sein, oder? Vielleicht haben wir durch diese Annahme in Verbindung mit den Informationen aus dem Reiseführer zuviel erwartet, wer weiß. Jedenfalls fiel uns bei mehreren Gelegenheiten die Unfreundlichkeit auf, mit der uns Ladenverkäufer oder Kellner bedienten.

Die grantigen Kaffeehauskellner in Wien dürften ja vermutlich auch nicht besser sein. Allerdings sind wir Österreicher fürs Grantigsein bekannt, bei uns ist das Programm. Wie auch immer.

Obwohl es uns insgesamt in Kopenhagen sehr gut gefallen hat, kam das Beste wie immer zum Schluss:

Nach dem Rückflug und der Landung in Wien-Schwechat fuhren wir mit dem Zug wieder zurück in die Stadt. Dabei wurden wir Zeugen eines für uns sehr amüsanten Gesprächs. Unweit von uns saßen drei Ausländer, die sich auf Englisch unterhielten. Der eine war offenbar nicht das erste Mal in Wien und versuchte den anderen ein paar Tipps zu geben. Ausführlich erläuterte er die Vorzüge des Wiener Schnitzels und kam danach auf die Sachertorte zu sprechen. Das Witzige dabei war, dass er das „ch“ nicht richtig aussprach und statt „Sacher“ „Sacker“ sagte. Den beiden anderen schien die phonetische Ähnlichkeit mit einem unziemlichen englischen (Schimpf-)Wort nicht weiter aufzufallen. Silke und ich hatten jedoch unseren Spaß dabei, den Erklärungen des versierten Touristen zu lauschen, der seinen Kollegen einredete, das Beste an Wien sein der „Sucker-Cake“.

Schade, dass der Typ offenbar noch nicht in Kärnten gewesen war. Ich hätte ihm gerne zugehört, wenn er vom Faaker See erzählt. Sollten wir in puncto Tourismusland-Image Thailand jemals den Rang ablaufen, weiß ich, warum.

September 26th, 2008

Finale grande

Nachdem am vergangenen Wochenende der überwiegende Teil der Übersiedlungsarbeiten durchgeführt worden war, gab es gestern in der fast leeren Wohnung in Graz eine Abschiedsparty, die man als würdigen Abschluss meiner Grazer Zeit bezeichnen kann.

Auf der Dachterrasse (und später im Inneren der Wohnung) wurde bei guter Laune im Kreise vieler lieber Menschen der eine oder andere Schluck getrunken. Im Nachhinein finde ich es fast schade, dass der Nachbar, der sich zweimal über den Lärm beschwert hat, seine Drohung, die Polizei zu rufen, nicht wahr gemacht hat. Das wäre vielleicht ganz interessant geworden. Ob ich diesen Spaß allerdings noch mitbekommen hätte, ist eine andere Frage. Aber egal – Polizei oder nicht – es war eine echt tolle Feier. Wenn einem die Anwesenheit von spät kommenden Gästen erst am Tag danach beim Durchsehen der Partyfotos bewusst wird und man sich an die Zeit nach Mitternacht nicht mehr erinnert, muss man sich allerdings die Frage stellen, ob die Party vielleicht noch lustiger war, als man sie selbst wahrgenommen hat.

Für mich endet die Zeit in Graz, und damit auch ein Lebensabschnitt; in Wien warten die Arbeitswelt und (damit hoffentlich auch) jede Menge Geld und Frauen. Graz wird für mich immer ein Ort bleiben, an dem ich mich ein bisschen zuhause fühlen werde. Es ist eine wunderschöne Stadt, in der ich eine tolle Zeit verbracht habe, auch wenn die Erinnerungen daran vereinzelt Lücken aufweisen.

Ich bleibe dieser Stadt aber nicht nur wegen der vielen lieben Freunde hier verbunden, sondern bin zudem immer noch Student der Uni Graz. Meine Freunde sowie die Kellner meiner Stammkneipen werden mich also auch in Zukunft öfter sehen, als ihnen lieb ist.

Ich komme wieder. Auch, wenn es regnet.

Juli 2nd, 2008

Sex sells

Heute Nachmittag suchte ich das Postamt unweit meiner Wohnung auf, um ein Paket abzuholen. Als der Postbeamte am Vormittag versucht hatte es zuzustellen, war ich gerade unter der Dusche gewesen, und obwohl ich in freudiger Erwartung der CDs, die ich bei Amazon bestellt hatte, trotz einer Oberschenkelzerrung sofort aus der Wanne hechtete und fünf Sekunden später an der Gegensprechanlage angelangt war und mich gemeldet hatte, war es zu spät gewesen. Keine Geduld, diese Postboten. Trari trara, die Post ist da – und schon wieder weg.

Als ich mich nun dem Postamt näherte, um das Paket selbst abzuholen, wurde ich der Bettlerin ansichtig, die ich bereits von vergangenen Erledigungen dort kannte. In der einen Hand hielt sie das branchenübliche grindige Kapperl mit einem Mitleid erregenden Foto darin. In der anderen Hand – und das war das Besondere heute – hielt sie ein Buch, in dem sie las.

Irgendwie kam mir das ein wenig komisch vor. Man verstehe mich bitte nicht falsch: Ich habe nichts gegen Bettler, und ich sage auch nicht, dass Betteln so unbequem wie möglich sein soll oder Ähnliches. Aber das hier gab mir irgendwie zu denken. Das könnte ich ja auch einmal machen. Ich besorge mir irgendwo ein Mitleid erregendes Bild, vielleicht mit kleinen in Lumpen oder Tokio Hotel T-Shirts gekleideten Kindern, setze mich auf der Hauptbrücke in die Sonne, stelle ein Kapperl vor mich hin und lese dann in einem meiner Bücher. Oder ich lerne, und statt dem Bild mit den Tokio-Hotel-Fans nehme ich die Einzahlungsbestätigung meiner Studiengebühren.

Mit solchen Gedanken betrat ich das Postamt und konnte das Paket entgegennehmen. Beim Verlassen des Gebäudes erhaschte ich mehr oder weniger zufällig einen kurzen Blick auf das aufgeschlagene Buch der Bettlerin. Ich sah nur eine Seite. Darauf war, über die ganze Seite, ein Foto von einer fast nackten Frau abgebildet.

Um was für ein Buch es sich nun gehandelt hat, weiß ich leider nicht. Es war jedenfalls kein Pornoheft, wie gesagt, es war ein normales Buch, vielleicht irgendein Schundroman oder generell einfach ein Buch mit Aktfotographien.

Der Gedanke, sich dafür bezahlen zu lassen, dass man in der Sonne sitzt und sich Bilder von nackten Frauen anschaut, ließ mich auf den Weg zur Uni nicht mehr los. Irgendwann ertappte ich mich dann bei der Überlegung, ob es wohl Leute gibt, die der Bettlerin eher dann Kleingeld in ihr Käppi werfen würden, wenn sie statt des Fotos mit den Lumpenkindern das Aktfoto zeigen würde. Solche kranken Schweine gibt es sicher.

Bei meinem nächsten Besuch auf dem Postamt werde ich der Bettlerin diesen Tipp geben.

Juni 4th, 2008

Free as a bird

Tiere haben es oft leichter als Menschen. Gut, die meisten Viecher stehen in der Nahrungskette unter uns, und angesichts der Gefräßigkeit einiger Menschen möchte ich da lieber nicht hin. Was aber die Unzulänglichkeiten des alltäglichen Lebens betrifft, haben die lieben Kollegen aus der Fauna öfter mal die Nase vorne. Meistens auch den Arsch.

Heute bin ich nämlich beim Mittagessen in einem Schanigarten in der Grazer Innenstadt zweimal von einem Vogel angekackt worden. Ob es beide Male derselbe war, weiß ich nicht. Jedenfalls landeten schöne weiße Kleckse erst auf meiner Hose, dann auf meiner Schulter, und dass, obwohl ich nach der ersten Attacke ein wenig von der Hausmauer abgerückt war. Mein Essen blieb zum Glück verschont. Trotzdem fühlte ich mich irgendwie beschissen.

Manchmal wünschte ich, auch ich könnte in der Stadt zwanglos überall hinmachen, wenn ich gerade muss. Das wäre irgendwie angenehm, vor allem im Sommer, wenn ich wegen der Hitze soviel trinke. Das WC-System, das sich in der Zivilisation durchgesetzt hat, hat natürlich auch Vorteile, die ich sehr schätze. Aber dieser Aspekt der Freiheit der Vögel (bzw der Tiere allgemein) ist irgendwie doch ein wenig beneidenswert.

In meinem nächsten Leben wäre ich gern ein Vogel. Nicht nur wegen der tollen Aussicht.

Juni 1st, 2008

Die Ruhe vor dem Sturm

Seit meinem letzten Eintrag ist sehr viel Zeit vergangen. Es wäre jedoch falsch, würde ich nun behaupten, dass der Grund für mein langes Schweigen eine vergleichsweise ereignislose Phase ist.

Zugegeben, meine zum Teil unfreiwillige „Lift-Flitzer-Aktion (siehe unten „Quo vadis?“) konnte ich in Sachen „Dumme Geschichten“ bisher nicht überbieten. Dafür sind andere Dinge geschehen, die ich im Blog bisher nicht kommentiert habe, weil es sich beim Schreiben meiner ersten Einträge irgendwie ergeben hat, dass nur skurrile und dämliche Geschichten hier Eingang finden sollen. Das muss man natürlich nicht konsequent durchziehen. Aber man kann. Andererseits soll nicht der Eindruck entstehen, ich würde nur Blödsinn machen (ha, ein Doppelbluff!).

Wie bereits in meinem ersten Eintrag hier angedeutet, rückt der Zeitpunkt, da ich die Grenzen dieser Stadt hinter mir lassen werde, immer näher. Wenn alles wie geplant abläuft, wird in etwa einem Monat gesiedelt. Aufgrund meines zum Gutteil in Graz ansässigen Freundeskreises werden allerdings sowohl die Stadt als auch meine Freunde unter regelmäßigen Besuchen zu leiden haben.

Das Semester neigt sich dem Ende zu, daher habe ich naturgemäß auf der Uni noch viel zu erledigen und die eine oder andere Prüfung zu machen - die nächste ist in gut vier Stunden. Das alles wird mich aber sicher nicht davon abhalten, während dieses letzten Monats Graz Lebewohl zu sagen, und zwar auf meine Art. Abgesehen davon fällt der Umzug umso leichter, je weniger Zeug man zu schleppen hat. Und meine Bar ist derzeit noch immer gut gefüllt.

In Wien angekommen, wird es dann auch nicht leichter werden. Schließlich gilt es neue Stammkneipen zu finden und sich dort zum Stammgast hochzuarbeiten.

Vielleicht kann ich also bald wieder mit einer lustigen Geschichte aufwarten. Let the good times roll…

Mai 28th, 2008

Skandal

„Wenn ma heit’ nit Schläg kriagn, donn nie!“

Dieser Satz stammt aus einer Unterhaltung, die am letzten Wochenende am Rande einer Geburtstagsparty in Graz stattgefunden hat, als man gerade dabei war, vor dem Haus des Gastgebers vorbeigehende Mädels anzuquatschen und Leute anzupöbeln. Die Party selbst hat gute Chancen auf den Titel „Skandalparty 2008“, allerdings wurde gerade erst auf Sommerzeit umgestellt; man sollte also bei der Titelvergabe nicht voreilig sein.

Alles, was eine Party braucht, um legendär zu werden (Alkohol, Gewalt und Sex), war in ausreichendem Maße vorhanden. Die Wohnung des Geburtstagskindes wurde zum Teil verwüstet, eine Schlägerei konnte von mir gerade noch verhindert werden. Die Folgen dieser Auseinandersetzung führten dazu, dass ich mit zwei weiteren Partygästen erst mit halbstündiger Verspätung im nächsten Lokal eintraf, wo sich die Vorhut in der Zwischenzeit bereits derart aufgeführt hatte, dass keiner von uns mehr irgendetwas zu trinken bekam. Zum Glück war man anderswo nicht so empfindlich.

Von einigen Leuten weiß ich nicht, was aus ihnen geworden ist, aber ich glaube, dass alle überlebt haben. Der Gastgeber selbst hat am Sonntag die Stadt verlassen, er wird schon wissen, warum.

Bis in unserer Runde der nächste Geburtstag ansteht, dauert es nun einige Zeit. Zeit, die man nützen sollte, um über einiges nachzudenken. Zum Beispiel, wie man es schaffen könnte, beim nächsten Mal auch wirklich die ganze Wohnung zu zerlegen.

März 31st, 2008

Quo vadis?

Hin und wieder wird es beim Fortgehen ziemlich lustig, so zum Beispiel unlängst auf der Geburtstagsfeier eines guten Freundes in einer Grazer Kneipe. Nach dem einen oder anderen Bier und Tanzeinlagen auf der Bühne in einer etwas zweifelhaften Frühbar kam ich gegen acht Uhr morgens nach Hause. Ich war den Umständen entsprechend müde und ging deshalb ohne große Umwege ins Bett.

Umwege zu machen – danach stand mir in meiner noch immer anhaltenden geistigen Umnachtung aber offenbar der Sinn. Anders ist es wohl nicht zu erklären, warum ich etwa eineinhalb Stunden später wieder aufstand, um aufs Klo zu gehen, stattdessen aber bei der Wohnungstür hinausging und in den Lift stieg, bekleidet nur mit einer Unterhose, und den Knopf für das Erdgeschoss drückte.

Warum ich das tat, und was ich vorhatte, darüber rätseln mein Mitbewohner und ich seither. Jedenfalls wurde mir auf dem Weg nach unten bewusst, dass ich wohl irgendwo falsch abgebogen sein musste und schickte den Lift zurück in den fünfzehnten Stock.

Wenn man aber schon mal um dreiviertel zehn am Vormittag besoffen und in Unterhosen im Lift steht, wäre es doch schade, wenn das niemand sieht. Glücklicherweise stieg irgendwo ein älterer Mann zu. Eigentlich möchte ich gar nicht wissen, was er sich gedacht hat, als er meiner ansichtig wurde. Ich hingegen hatte zwar keine Kleidung, aber immer noch Manieren. Auf mein höflich gemeintes und leise gebrummtes „Moageeen!“ entgegnete mein Gegenüber: „Ja, wo wollen Sie denn hin?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Ja nach Hause!“

Wieder oben angekommen, klingelte ich an meiner eigenen Wohnungstür, denn da ich ja eigentlich nur aufs Klo wollte, hatte ich ja keinen Schlüssel mitgenommen. Mit so etwas rechnet man ja nicht. Mein Mitbewohner war zum Glück noch daheim. Auch er war bei der eingangs erwähnten Party gewesen, zwar früher heimgegangen, aber auch noch nicht ganz nüchtern. Nach einer Weile kam er endlich an die Tür und öffnete. „Kuki, wie kommt es, dass du nackt vor der Tür stehst?“, fragte er in durchaus sachlichem Ton. „Ich muss pissen!“, war meine mir durchaus logisch erscheinende Antwort, mit der ich ins WC verschwand.

Ich habe aus dieser Episode natürlich einiges gelernt. Selbst im heißesten Sommer schlafe ich in Zukunft in Pyjamahose und Hemd, und wenn ich aufs Klo gehe, nehme ich den Wohnungsschlüssel mit. Man kann ja nie wissen…

März 18th, 2008

Eine neue Welt

Mittlerweile bin ich bereits das siebente Jahr in Graz, und kurz bevor sich meine Zeit an diesem schönen Fleckchen Erde ihrem (vorläufigen) Ende zuneigt, bin ich an das andere Ende der Stadt in eine WG gezogen. Mein neuer Mitbewohner, einer meiner besten Freunde, betrachtet mich als sein Haustier, während er sich selbst für eine Art Übermensch (Homo supersapiens) hält, der mir außerdem in bemerkenswerter Regelmäßigkeit meinen Obstteller leerfrißt. Bemerkenswert ist das deshalb, weil er abgesehen vom Verzehr meiner Äpfel und Birnen einer gesunden Ernährung nicht sehr viel abgewinnen kann. Für den Fall, dass bei der Herstellung diverser Getreide-Brände allerdings Vollkorn verwendet wird, muss diese Behauptung revidiert werden.

Abgesehen von meinem Haustier-Status gefällt es mir sehr gut in meiner neuen Umgebung. Die westseitige Dachterrasse im fünfzehnten Stock ist doch ziemlich cool, und ich freue mich schon sehr auf ausgiebige Cocktail-Orgien in der Abendsonne. Daroof will be on fire…

März 11th, 2008


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