Der Spiegel

Der Spiegel

Langsam veränderte sich etwas. Alles rückte aus einem orientierungslosen Schwarz in ein nebelhaftes Bild aus sich farblich unterscheidenden Flächen. Der Versuch, die Farben zu benennen oder die Silhouetten der Flächen in eine Form einzuordnen, endete mit der verzweifelten Erkenntnis, dass er an einer Konzentrationsunfähigkeit litt, die ihm höchstens den Kopf hämmern ließ, als würde sein Schädel regelrecht zerplatzen. Weder Arme noch Beine ließen sich zu einer Bewegung führen, und der Versuch seinen Kopf aufzurichten endete erneut in orientierungsloser Schwärze.

Kann man das Nichts spüren? Ist das Empfinden von nichts nicht wieder eine Empfindung? Ist es also überhaupt möglich, ein Nichts, keine Empfindung oder keinen körperlichen Reiz wahrzunehmen? Aus seinen eigenen Aufenthalten in Krankenhäusern, sowie den Besuchen, die er in die selbigen getätigt hatte, wusste er, dass die Wände normalerweise in einem sterilen Weiß- oder Grünton gestrichen waren. Auch wenn er die Farben des kleckshaften Bildes vor seinen Augen nicht benennen konnte, wusste er doch, dass sie nicht hell waren.

Mit der Hoffnung, nicht allein in einem Straßengraben zu liegen, ohne Aussicht auf Hilfe jedoch mit der Wahrscheinlichkeit auf Verletzungen, endeten auch die letzten Gedanken, bevor ihm endgültig die Sinne entschwanden.

Waren nur Stunden oder bereits Tage vergangen, war sein erster Gedanke, als sich ihm erneut das nebulöse Bild erschloss, das sich, wie er es empfand, schon vor zwei Sekunden bot. Diesmal konnte er sich besser konzentrieren und war in der Lage deutlich graue Wände und blaues Licht zu erkennen. Auch wurde er des Umstandes gewahr, dass ein Schatten durch den Raum wanderte. Ein Mensch?

„Die Wachphasen werden immer länger. Sein Körper hat begonnen, das Sedativum abzubauen.“

Dieser Satz war zugleich mysteriös wie beunruhigend, so dass er dem weiteren Gemurmel, welches die sich entfernenden Schritte begleitete, keine Beachtung schenken konnte. Er hatte sich nie für Medizin interessiert, doch aber wusste er, dass das nervöse Flüstern der von ihm wahrgenommenen Stimme darauf hinwies, dass seine Wachphasen nicht erwünscht waren. Und trotz seines Mangels an Fachwissen schien es ihm doch ungewöhnlich, dass die Tatsache, wieder ansprechbar zu werden, einem Arzt Sorgen bereitete.

Bildete er sich alles nur ein? Der Begriff „Wirklichkeit“ hatte in seinem gegenwärtigen Zustand wohl kaum eine Bedeutung. Könnte er sich doch bloß bewegen! Seine Muskeln, die zugegebenermaßen nicht stark ausgebildet waren, reagierten, doch seine Gliedmaßen ließen sich nach wie vor nicht bewegen. Sein eher hager gebauter Körper lag regungslos auf einer Art Krankenbett. Er versuchte erneut seinen Kopf zu heben. Obwohl die Kopfschmerzen drohten überhand zu nehmen, gelang es ihm doch, sein von hellbraunem, etwa ohrenlangem Haar bedecktes Haupt etwas aufzurichten. Ein mittellanger Zehn-Tages-Bart hatte sich bereits um sein Kinn gebildet und eine fahle Bleiche erschloss sein Gesicht. Er konnte nur feststellen, dass er von einer dunklen, militärisch anmutenden Decke eingehüllt war, die ihm nicht erlaubte, den Grund für seine Bewegungslosigkeit zu erkennen. Er begann zu verzweifeln! Er warf seinen Kopf zurück auf den sterilen, weiß überzogenem Polster! Eine Träne lief ihm über das Gesicht, als er anfing, totale Resignation zu erfahren. Er, der er nicht mehr weinen konnte, der das Leben zu schätzen verlernt hatte, fing nun doch an, darum zu bangen. Kläglich schluchzend verlor er diesmal nicht das Bewusstsein, sondern schlief ein.

Allein stand er in der Dunkelheit. Er stand!!! Obgleich er nicht zu deuten vermochte wo er war, verspürte er heimatliche Wärme. Freude breitete sich in ihm aus und er begann zu lächeln. Er streckte seine Arme aus und genoss die Stille, die weniger eine totale Stille, als viel mehr die Geräuschkulisse, wie er sie aus einem Wald kannte, war.

„Möchtest Du Kinder?“

Und wie er diese Worte vernahm, sah er sich selbst von Außen und hörte aus seinem eigenen Mund, ohne dass er eingreifen konnte, die Worte: „Nein, nicht in diesem Leben.“

Die Szene begann sich zu drehen und im letzten erkennbaren Moment sah er einen Mann, bekleidet in einem grauen Anzug, blondes, kurzes Haar, perfekt rasiert und zweifellos kompetent und vermögend, der ihm auf die Schulter griff.

Er riss seine Augen auf.

„Keine Sorge, mein Sohn. Sie sind hier in Sicherheit.“

„Ich bin hier in Sicherheit?“, erwiderte er, erkennend dass er geträumt hatte, skeptisch.

„Auf jeden Fall sind Sie mit Sicherheit hier.“

Und das letzte, das er sah, war ein Finger der an eine Art Spritze schnippte. Selbige sich langsam senkend, verspürte er einen kurzen Stich, und Dunkelheit war einmal mehr sein Begleiter.

„Sie müssen sich stärken.“, vernahm er die Worte einer Frau, als er wieder aufwachte. Ohne seine Lieder zu heben, erkannte er das Geräusch eines herbeigeschobenen Servierwagens. Er öffnete die Augen und sah vor sich Toast, eine Auswahl verschiedener Wurstsorten, Käse und Marmelade aller Art. Wie lange hatte er nichts mehr gegessen? Wie lange war er schon hier? Was war dieses dunkle, kalte, tierversuchslaborähnelnde Konstrukt, das sich vor ihm bot, wenn er den Kopf hob?

„Was ist das hier?“, fragt er. Er wollte düster und bestimmend klingen, doch seine trockene Kehle ließ nur ein ersticktes Keuchen zu.

„Nun, das ist Frühstück. Für Sie.“

Eine durchaus hübsche, junge Frau blickte ihn an. Sie trug das Gewand einer Krankenschwester, doch irgendwie verband er mit ihr nicht Hilfe und Beistand, sondern war umso verwunderter was sie, und vor allem er, hier zu suchen hatte. Seine Arme und Beine ließen sich nun bewegen, die Schnallen waren gelöst worden. Das war seine Chance! Er stieß das Tablett in die Luft, und während die Krankenschwester auffuhr und erschreckt einige Schritte zurück eilte, sprang er aus seinem Bett und rannte auf die dunkle Stahltür zu. Da war keine normale Türklinke! Das Element, welches er hinunterzudrücken versuchte und mit letzter Kraft in den Armen auch schaffte, war eine Art Hebel wie an einer Brandschutztür aus einem Keller. Eines war ihm jetzt klar: er war in einer Art Bunker. Das hier hatte nichts mit einem Krankenhaus zu tun. Während die als Krankenschwester uniformierte Person noch immer erschreckt an der Wand stand, öffnete er die Tür und trat ins Freie. Seine Augen waren auf der Stelle geblendet von der Mittagssonne, die kaum Schatten auf den erdigen Boden warf. Er sank auf seine Knie und versuchte den Schmerz aus den Augen zu reiben. Als er sie wieder öffnete, erkannte er zwischen all den blauen und roten Flecken, die sein Bild umtänzelten, den Lauf eines Gewehres, welcher direkt vor seinem Gesicht Position bezogen hatte. Er reagierte blitzschnell und griff nach dem Lauf. Doch der maskierte Mann, in Splitterschutzweste und Stahlhelm, reagierte schneller und zog sein todbringendes Gerät rechtzeitig weg. Vorwärtsfallend, bemerkte er, dass zwei weitere Wachposten bereits Ziel aufgenommen hatten und ihre Waffe auf ihn richteten.

„Nicht schießen!“, waren die letzten Worte, die er vernahm, bevor ein Gewehrkolben seine Schläfe traf und ihn erneut in eine tiefe Bewusstlosigkeit trieb.

„Sie werden langsam ein Problem.“

Der Mann im grauen Anzug saß lässig auf einem Stuhl neben dem Bett. Er hatte den Stuhl verkehrt herum hingestellt und stützte sich mit verschränkten Armen auf die Lehne.

„Warum halten Sie mich hier fest?“ Die Schmerzen vom Stoß mit dem Gewehrkolben waren noch deutlich spürbar.

„Der Plan war eigentlich der, Sie in einem permanenten, komaartigen Zustand zu halten. Aber das Anästhetikum, welches wir verwenden, scheint von Ihrem Körper abgestoßen zu werden. Wir können Sie nicht gehen lassen, weil Sie einfach schon zuviel gesehen haben.“

„Ich hab doch gar nichts gesehen!“, schrie er, in der vergeblichen Hoffnung seine Freiheit erargumentieren zu können. Natürlich wusste er, dass das Blödsinn war. Als ob seine Peiniger ihn freiließen, nur weil er behauptete, nichts gesehen zu haben.

„Lassen Sie mich doch einfach gehen.“, flehte er.

„Wie gesagt, ich kann Sie nicht gehen lassen. Aber nachdem Sie schon einmal wach sind, möchte ich Sie zu einem Spaziergang einladen, wenn Sie wollen.“

Er hatte natürlich nur zugestimmt, weil er hoffte, flüchten zu können. Aber der Versuch war müßig. Eine Gruppe Soldaten ging rund um ihn und dem Grauen-Anzug-Mann, um sicherzustellen, dass ein Entkommen unmöglich war. Vieles, was er sah, kam ihm bekannt vor. Sie gingen einen bewaldeten Hang entlang, an dessen Fuß eine asphaltierte Straße war. Am Hügel gegenüber, quasi der, der das Tal von der anderen Seite einschloss, stand eine kleine Ruine, und oben auf dem Kogel, dessen Hang sie gerade entlang spazierten, konnte er eine Art Plattform, vielleicht einen Parkplatz, erkennen. Er wusste, wo er war! Allein diese Tatsache ließ in ihm einen Hoffnungsschimmer erwachsen.

„Was haben Sie mit mir vor?“ Wahrscheinlich die intelligenteste Frage, die er bis jetzt gestellt hatte. Aber auch die Frage, vor deren Antwort er sich am meisten fürchtete.

„Wir benutzen Ihren Körper“, sagte der Mann im grauen Anzug erstaunlich trocken und ohne seinen Blick woanders hinzuwenden als nach vorne, „um einen speziellen biologischen Stoff zu gewinnen. Dieser Stoff ist die Basis für eine halluzinogene, bewusstseinsverändernde Droge.“

Er konnte nicht glauben was er da hörte: „Wie bitte?“

„Sie haben mich richtig verstanden. Ich kann Ihnen auch gerne erklären, wie es funktioniert.“

„Diese ganze Anlage ist nichts weiter als ein Drogenlabor?“ Verachtung, Entsetzen und Verzweiflung prägten seine zitternde Stimme. „Sie benutzen mich zur Drogenherstellung?“

„Streng genommen zur Entwicklung. Für die kommerzielle Massenproduktion brauchen wir natürlich tausende Menschen. Warum sind Sie so entsetzt? Sie halten doch sowieso nichts von Menschen. Und was haben sie jemals für Sie getan? Ihnen ist doch sowieso egal, was Menschen widerfährt, die Sie nicht kennen, oder?“

Woher wusste der Mann im grauen Anzug das? Woher kannte diese Person seine Einstellung der Welt gegenüber? Der Mann richtete jetzt seine Augen genau auf ihn. Er spürte, wie er in ihm lesen konnte. Er spürte, dass es unmöglich war zu lügen oder zu leugnen. Er war durchschaut.

„Warum haben Sie gerade mich genommen?“

Der Mann richtete seinen Blick wieder nach vorne: „Sie sagten doch selbst, dass Sie keine Kinder wollen.“

Diese Aussage versetzte ihn in misstrauisches Erstaunen. Weniger die Frage, was dieser Umstand mit seiner Situation zu tun hatte, als vielmehr die Frage, ob der Moment real war, beschäftigte ihn. Er schaute misstrauisch nach links und nach rechts. Er hoffte, in der Szenerie einen Fehler zu entdecken, der sie verriet. Aber vergebens. Still wanderten sie zurück zur Anlage.

Als sie das Gebäude betraten, wurde der Mann im grauen Anzug von jemandem angesprochen. Es war zweifellos einer der Labortechniker und die beiden berieten sich in irgendeiner Frage. Sie waren abgelenkt und er schaute sich im Raum um. Da sah er es ganz deutlich: in der Nische, in welcher seine persönlichen Sachen aufbewahrt wurden, lag sein Handy. Und er stand unmittelbar daneben. Er überprüfte kurz, ob die beiden Männer noch immer abgelenkt waren, nahm dann das Handy und steckte es ein. Da habt ihr einen Fehler gemacht, dachte er sich innerlich und konnte es sich nicht verkneifen, kurz zu lächeln. Sowie sie ihn wieder in sein Zimmer sperrten, konnte er Hilfe rufen. Jetzt ganz ruhig bleiben und nur nicht auffallen. Und er fiel nicht auf. Man führte ihn wie immer in seine einem Krankenhauszimmer ähnelnde Zelle und er wartete geduldig, bis er alleine war. Jetzt oder nie! Er setzte sich auf die Krankentrage, schaltete sein Handy ein und öffnete das Telefonbuch.

Gelöscht! Seit der Einführung dieser Telefonbuchfunktion merkte sich niemand mehr Nummern auswendig. Hätte er jetzt nur eine im Kopf.

Notruf, dachte er sich, 1 – 3 - 3, Polizei! So einfach. Er wählte die Nummer, einerseits in der Hoffnung, endlich befreit zu werden, andererseits süffisant lächelnd im Wissen, dass er seine Peiniger ausgetrickst hatte. Im Moment seiner größten Selbstsicherheit öffnete sich die Tür. Ein Team aus wie Ärzte gekleideter Männer drückte ihn gegen seine Liege. Er versuchte sich zu wehren, doch schon war ihm das Handy entrissen worden. Eine der arztähnlichen Personen näherte sich ihm mit einer Art Säge in der Hand, Beistehende richteten Arterienklammern her.

„Glauben Sie, Sie können uns so leicht hinters Licht führen?“, hörte er den Grauen-Anzug-Mann sagen, „Testen Sie es an ihm.“ Da rammte ihm jemand eine Spritze in seine Vene.

Wären Krankenhausärzte Götter in weiß, so wären diese Menschen Teufel, war das letzte, das er dachte, bevor er bewusstlos in sein Kissen sank.

Eine Tür. Er sah eine Tür genau vor ihm. Da war nichts anderes außer dieser Tür. Er öffnete sie und trat hindurch. Da stand er auf einer Art Gerüst. Er konnte nur geradeaus gehen, links und rechts waren Geländer. Am Ende war wieder eine Tür. Er schritt voran und ging durch. Dahinter fand sich eine Art Wohnzimmer, sauber und gepflegt, mit Schränken, Kästen und einer Couch. Wieder konnte er nur geradeaus gehen und die Tür am anderen Ende des Raumes durchschreiten. Dahinter war eine öde, leere und verschmutzte Fabrikhalle. Ferngesteuert hielt er erneut auf die Tür am anderen Ende zu. Er öffnete sie, trat hindurch und fand sich in einer Schnee- und Eislandschaft auf einem Bergrücken wieder. Auch hier stand eine Tür. Einfach so. Der Rahmen im Schnee befestigt, aus weiß lackiertem Holz. Er griff zum Knauf und öffnete sie.

Er fuhr auf! Sein Körper und Gesicht waren nass vor kaltem Schweiß. Wie lange war er weg? Er wollte sich die Hände ins Gesicht schlagen, um den Schweiß wegzuwischen. Da durchfuhr es ihn wie ein Blitz! Ein kaltes Kribbeln, das ihn nahezu zur Ohnmacht trieb, zog sich durch seine ganze Haut. Ungläubiger Schock ließ sein Gesicht in einer Mimik erstarren, als wäre jeder Muskel seines Körpers verkrampft. Er schrie einen so markerschütternden Schrei, dass er sich selbst nicht hören wollte. Sein linker Arm war weg.

Das Geräusch war unerträglich! Tropf… Tropf… Tropf…, die ganze Zeit über, etwa jede Sekunde hörte er dieses Tropfen. Zugleich flackerte auch das fahle Neonlicht, welches den Raum durchdrang, in einem wiederum völlig unzusammenhängenden Takt. Wäre er es in der Zwischenzeit nicht schon gewöhnt, würde er wohl dem Wahnsinn verfallen. Eigentlich, so dachte er, war er schon dem Wahnsinn verfallen, wieder daraus zurückgekehrt, ihm wieder verfallen und hatte sich letzten Endes nicht an das Tropfen und das Flackern, sondern an den Wahnsinn selbst gewöhnt. Seit Tagen war niemand bei ihm gewesen. Oder waren es Wochen? Vielleicht doch nur Stunden? Er hatte aufgehört zu zählen. Streng genommen konnte er überhaupt nicht sagen, wie lange er schon hier war. Am Anfang war er bewusstlos, dann hatte er nicht darauf geachtet zu zählen, nun hatte er bereits zu zählen aufgehört und letzten Endes hatte er ja auch keine Uhr, um beurteilen zu können, wann ein Tag begann und wann er endete. Aber was spielte es jetzt noch für eine Rolle? Die Hoffnung stirbt zuletzt, konnte er sich in Gedanken an dieses berühmte Zitat erinnern. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Lächerlich! Einfach lächerlich! Hier lag er, schon seit Ewigkeiten, getrennt von was auch immer er wollte, ernährt durch einen Schlauch, verstümmelt, als Drogenprototyp dienend. Seine Hoffnung war längst tot, und die Wahrheit ist, dass das Herz zuletzt stirbt, aber soweit war es noch nicht. Es konnte noch nicht soweit sein, weil er es noch nicht über besagtes Herz brachte, sich selber zu töten. Warum eigentlich nicht? Er war zwar fixiert, und selbst wäre er es nicht, gab es in dem Raum wohl kein Werkzeug, welches er zum Selbstmord benutzen konnte, jedoch wäre es ihm möglich, seine Zunge durchzubeißen. Die Zunge ist gut durchblutet, er würde also in kürzester Zeit genug Blut verlieren, um entweder zu verbluten oder daran zu ertrinken. Er streckte die Zunge weit aus seinem Mund und legte sie auf seiner unteren Zahnreihe ab. Dann begann er langsam zuzubeißen. Es fühlte sich immer ekelhafter an, schließlich begann der Schmerz und er entspannte sein Gebiss. Es war tatsächlich so, sein Herz war noch nicht tot.

An das Tropfen hatte er sich nun endgültig gewöhnt. Es war ein so schön regelmäßiges Geräusch, dass sein Gehirn es bereits völlig herausgefiltert hatte. Er wachte also immer dann auf, wenn sich die Neonlampen in seinem Zimmer mit einem lauten Brummen einschalteten und ihren flackernden Betrieb aufnahmen. Auch diesmal öffnete er langsam seine Augen, jedoch sah er anstelle des dunkelgrauen Bunkers, in welchem seine Peiniger in gesteckt hatten, eine Menge Menschen. Ein skurriler Anblick! Zwei Krankenschwestern, drei arztartig bekleidete Personen und mehrere Soldaten standen direkt vor ihm. Alle hatten bunte Papphüte auf und im Moment seines Erwachens begannen sie zu jubeln und tatsächlich Papierschlangen durch die Luft zu blasen. Und in der Mitte, ebenfalls mit einem lächerlichen Papierhut geschmücktem Haupt, stand der Mann im grauen Anzug und lächelnde wohlwollend.

„Was ist hier los?“ fragte er selbst, als er aus dem Halbschlaf erwachte.

„Ich darf Ihnen gratulieren!“, sagte der Mann im grauen Anzug, „wir haben es geschafft!“

„Was geschafft?“

„Wir sind serienreif. Ihre Tage in dieser Einrichtung sind nun gezählt. Morgen werden wir aufbrechen. Jemand will sie kennen lernen.“ Der Mann lehnte sich kurz zurück und griff nach etwas. Als er sich wieder vordrehte, hatte er zwei gefüllte Sektflöten in der Hand. Eine streckte er ihm entgegen: „Trinken sie ein Gläschen mit mir?“

„Sie können mich mal“, schrie er, und wäre er nicht fixiert, er hätte ihm mit seiner verbleibenden Hand den Vogel direkt ins Gesicht gezeigt. Dreck, dachte er sich, er hätte warten sollen, bis sie ihm den Arm lösen, um anstatt den Sekt zu trinken, seine Geste zu vollführen. Er war inzwischen so selbstsarkastisch geworden, dass ihm diese Überlegung sogar ein hämisches Lächeln ins Gesicht trieb.

„Ganz wie sie wünschen.“, sagte der Mann im grauen Anzug, trank beide Gläser hintereinander auf einen Sitz und spazierte gut gelaunt zur Bunkertür hinaus. Die anderen folgten ihm.

Träumte er, oder war das gerade wirklich passiert? Im Moment vermochte er nicht, diese skurrile Situation, all seine Peiniger geschmückt mit Faschingsbedarf, von einem seiner bisherigen aufgezwungenen Drogenhalluzinationen zu unterscheiden. Erst Minuten später wurde ihm klar, dass er nicht geträumt hatte. Es war wahr! Und was hatte der Mann im grauen Anzug gesagt? Die Zeiten seines Aufenthaltes hier wären vorüber! Morgen würde er das Gelände verlassen! Aber halt, was genau sollte das heißen? Würden sie ihn jemals freilassen? Und was meinte der Mann damit, es wollte ihn jemand kennen lernen? Eines war ihm jedoch klar, sollte es jemals die Möglichkeit zur Flucht geben, dann morgen. Die ganze weitere Nacht malte er sich hunderte verschiedene Varianten aus, wie er entkommen könnte. Alles hing davon ab, wie sie ihn transportieren würden. Er blieb die ganze Nacht wach vor angespannter Aufregung. Egal was passieren würde, diesmal würde er keine Fehler machen.

Der Tag begann mit dem altbekannten Brummen der Neonlichter, welche anschließend sein trostloses Verließ mit Licht ausflackerten. Und es dauerte kaum eine Minute, bis sich die Tür öffnete und der Mann im grauen Anzug eintrat. Hinter ihm waren zwei Krankenschwestern und ein Arzt, darauf folgten zwei Soldaten mit einer Trage. „Also los!“, lautete das Kommando. Man hob ihn auf die Trage und fixierte ihn dort wieder. Jetzt begann die Reise! Er wurde durch die Tür ins Freie geschoben und einmal mehr blendete das Tageslicht seine Augen. Er muss so lange in der fahlen Dunkelheit seiner Zelle gelegen haben, dass die Augen das Sonnenlicht kaum mehr vertrugen. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis er endlich Details erkennen konnte und gerade noch die Farben des Wagens bemerkte, in welche die Trage eingebracht wurde. Es war definitiv ein Krankenwagen. Trotz dieser Erkenntnis hatte sich seine Situation kaum verbessert. Er war zwar nicht mehr in einem Bunker, aber gefangen und auf einer Trage fixiert war er nach wie vor. Er spürte einige Kurven, als sie losfuhren, erst schlechte, dann immer bessere Straßen und schließlich eine enge Schleife gefolgt von einem starken Beschleunigen. Offensichtlich hatten Sie die Autobahn erreicht.

„Ich hoffe, ihnen wird nicht schlecht beim Autofahren.“, der Mann im grauen Anzug saß neben ihm.

„Nur wenn ich hinten liegend mitfahre.“ Er war schon sehr müde, schließlich hatte er die ganze vorherige Nacht kein ein Auge zutun können. Warum hatte er nicht damit gerechnet, schlicht und einfach fixiert in einem Krankenwagen mitgenommen zu werden? Eigentlich war das das Naheliegenste überhaupt. Seine Fluchtszenarios bestanden jedoch aus den verschiedensten Varianten, aus Autos oder Lastwägen zu springen. Wieder einmal waren sie ihm einen Schritt voraus gewesen. Er dachte nach, so gut er nur konnte. Den Arm zu bewegen war unmöglich, genauso wie die Beine. Er wurde beobachtet und konnte im Wagen auch nichts sehen, was er auf die schnelle als Waffe hätte benutzen können.

„Mir ist schlecht!“, begann er zu hecheln. Dem folgte ein sofortiges husten und würgen. Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel, er verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf hin und her.

„Was ist los mit ihnen?“, fragte der Mann im grauen Anzug, doch sein Zucken wurde immer schlimmer.

„Fahrer! Bleiben sie stehen“. Der Fahrer schien den Ruf oder das Klopfen auf die Trennwand gehört zu haben und fuhr auf einen Parkplatz. Der Mann begann, die Bänder welche ihn auf der Trage fixierten, zu lösen. Am Parkplatz angekommen, wurde die Tür geöffnet. Ohne zu überlegen sprang er hinaus und lief so schnell er nur konnte! Diesmal hatte er sie zwar ausgetrickst, doch seine Muskeln waren schwach. Das ewige herumliegen hatte sich bemerkbar gemacht, er konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Aber Todesangst scheint tatsächlich eine gute Motivation zu sein und die Angst vor weiteren Verstümmelungen fast noch etwas mehr. Er wagte es nicht zurückzusehen. Er war sich sicher, er würde verfolgt doch würde es ihm viel zu viel Zeit und Vorsprung kosten sich umzudrehen. Seine Beine wurden bereits nach den ersten hundert oder hundertzwanzig Metern schwächer und ihm wurde klar, dass man ihn erwischen würde, wenn nicht ein Wunder geschieht. Auf den Wald konnte er nicht zulaufen, da ein Zaun im Weg war. Mit nur einem Arm traute er sich nicht zu, diesen schnell zu bewältigen. So lief er in Fahrtrichtung hinaus auf die Autobahn. Sowie andere Menschen dabei waren, konnten seine Peiniger nichts mehr tun. Es gäbe Zeugen und er wäre in der Lage, jemanden zu Hilfe zu rufen. Nur noch wenige Meter und er käme auf die Fahrbahn. Er begann mit dem Arm zu winken und um Hilfe zu brüllen. Seine Schreie gingen unter in dem tosenden Fahrtwindgeräusch vorbeifahrender Autos und Lastwägen. Er rannte noch immer so schnell er nur konnte und wusste, dass seine Beine ihn nur noch kurz tragen würden. Er wagte einen Blick über seine Schulter und sah, dass sein Verfolger nur wenige Meter hinter ihm lief. Warum hielt niemand an? Hier rannte ein Mann verfolgt von einem anderen. Würde jemand von seinem Auto aus diese Szene beobachten, vor allem wie der Verfolgte um Hilfe winkt, würde dieser Autofahrer doch wenigstens anhalten um nachzufragen! Aber nein. Niemand. Es waren sicher schon zwanzig oder dreißig Autos vorbeigekommen und keines davon hatte auch nur Anstalten gemacht anzuhalten. Jetzt hatte er nur noch eine Chance, er musste quer über die Fahrbahn rennen. Ohne zu schauen wechselte er die Richtung und lief direkt auf die Mittelschiene zu. Diesmal war das Glück auf seiner Seite, indem genau in diesem Moment eine Lücke im Verkehr entstand. Nachdem er über die Mittelschiene geklettert war, konnte er kurz verschnaufen und vorbereiten, wie er über die zweite Fahrbahn kommt. Jetzt! Er ergriff die Gelegenheit und sprintete auf die andere Seite. Seine Verfolger waren jetzt weiter zurück gefallen und so begann er zwar langsamer aber beständig in den Wald zu laufen. Wer weiß, wie lange die anderen brauchen würden, um ihm folgen zu können. Er musste verschwinden und lief direkt in die dunkelste Stelle der Baumfront.

An einen Baum gelehnt wachte er auf. Es musste etwa eine Stunde her sein, dass er zusammenbrach, also etwa zwanzig Minuten, nachdem er in den Wald gelaufen war. Offensichtlich konnten ihn seine Verfolger nicht so leicht finden. Aber was sollte er jetzt tun. Er war sehr erschöpft und durch seinen langen Aufenthalt in seiner Zelle dermaßen geschwächt, dass er sich nun kaum mehr bewegen konnte. Er musste erst einmal bleiben, wo er war und hoffen, nicht entdeckt zu werden. Gegen die Müdigkeit kämpfend versuchte er wachsam zu sein, um im Falle gefunden zu werden, noch irgendwie zu reagieren. Doch mit einbrechender Dunkelheit begannen seine Sinne zu schwinden, seine Augen fielen zu und er konnte sich nicht mehr wach halten.

Der Fußboden war gefliest. Es waren große Fliesen in einem glitzernden, hellen Muster. Langsam hob er den Kopf und nachdem sein Blick allmählich die Lichter um ihn herum durchdrungen hatte, erkannte er Geschäfte über Geschäft der Reihe nach angeordnet links und rechts von ihm. Er drehte sich um und sah eine Rolltreppe, welche einen Stock tiefer führte und eine Ebene mit noch mehr aneinander gereihten Geschäften zugänglich machte. Ein unangenehmer Luftzug traf seinen Nacken und er hatte Durst, denn die Luft war trocken. Er blickte erst nach rechts, dann nach links. Dort sah er einen Laden, welcher kleine, gekühlte Mineralwasserflaschen anbot. Er überlegte kurz und beschloss eine zu kaufen. Als er losgehen wollte, hörte er eine Stimme: „Entschuldigung, können sie mir sagen wie spät es ist?“ Eine ältere Dame blickte ihn an. Instinktiv hob der den linken Arm um auf seine Uhr zu sehen. Und zu seiner Überraschung war sowohl Uhr als auch Arm vorhanden! Er starrte auf seinen Arm und seine Uhr und verstand die Welt nicht mehr.

Er fuhr auf! Was war los? Ein Griff und er wusste, er hatte geträumt oder halluziniert oder was auch immer in ihm vorgehen mochte. Er lag nach wie vor unter einem Baum in einem Wald irgendwo in der Gegend. Aber sein Körper hatte sich erholen können. Er konnte weitergehen. Schritt für Schritt durch die Dunkelheit des Waldes, solange bis er an den Rand kam. Und als er langsam die Forststraße entlang wanderte, begann bereits die Sonne aufzugehen. Offensichtlich bewegte er sich genau Richtung Osten, denn die Sonne schien ihm direkt in die Augen. Für die nächsten paar Minuten würde er nicht in der Lage sein, in der Entfernung etwas auszumachen, da ihm der Sonnenschein blendete, als hätte man eine Halogenlampe direkt vor seinen Kopf gestellt. Er blieb auf der kleinen Forststraße. Zu seiner rechten war der Waldrand, hier könnte er sich im Bedarfsfall schnell verstecken, überlegte er sich und links von ihm war ein bracher Acker. Es war kalt! Durch die Vorbereitungen für seinen Transport hatte er zwar Kleidung bekommen, jedoch war alles, was er für den Oberkörper hatte, eine Art T-Shirt mit langen Ärmeln. Die Nacht über konnte er sich mit Zweigen zudecken, jetzt jedoch spürte er ganz deutlich die Kälte eines Herbstmorgens. Aber das konnte ihn nun nicht mehr aufhalten. Er war innerlich aufgeregt! Ganz gelang es ihm nicht dieses Gefühl zu begreifen, doch er wusste, dass ein großer Teil Freude dabei war. Immerhin gelang ihm die Flucht und sollte der Morgen auch noch so kalt sein, wärmte ihn dennoch der Gedanke. Waren es noch fünf Kilometer, zehn oder vielleicht zwanzig? Die nächste Ortschaft konnte jedenfalls nicht weit weg sein und er war überzeugt, dort Hilfe zu finden. Nun meldete sich sein Magen. Natürlich, er hatte zuletzt am Vortag zu Mittag etwas zu essen bekommen. Aber das bisschen Hunger sollte nun auch nicht mehr von belang sein. Immer einen Schritt nach dem anderen näherte er sich seiner endgültigen Rettung.

Der Forstweg wurde zu einer Schotterstraße, die Schotterstraße wurde zu einer Asphaltstraße und die führte zu einer Kreuzung, welche sich in zwei Richtungen spaltete. Jetzt wusste er es genau, noch drei Kilometer. Langsam spazierte er der Straße entlang und war sich fast ein wenig zu sicher dabei. Er dachte über seine Situation nach und wusste, dass er sich nun nicht mehr verstecken konnte. Langsam aber sicher jedoch wollte er nur noch an sein Ziel kommen und vergaß immer mehr auf die Umgebung zu achten. Doch jetzt war es nicht mehr weit und er befand sich ohnehin mitten im Nirgendwo. Doch da war sie endlich, die Ortstafel. Fast zelebrierend stellte er sich daneben hin, stützte seinen Arm auf sein Knie und atmete erleichtert auf. Es war zwar nur ein kleines Dorf, doch groß genug für einen Polizeiposten. Er ging die Hauptstraße entlang bis zur Kirche und gegenüber erblickte er auch schon der Eingang zur Dorfpolizei.

Es war ein sehr kleiner Posten. Als er durch den Eingangsbereich mit dem typischen Schalter hinter Glas ging, bemerkte er gleich, dass es außerdem nur noch zwei Büros und den Aufenthaltsraum gab. In einem der Räume saß er nun und erzählte einem Beamten alles, was er erlebt hatte. Es wunderte ihn, dass nicht der ranghöchste Beamte und noch zwei andere und wen auch immer man sich vorstellen konnte dabei war! Immerhin war das eine spektakuläre Geschichte und begonnen hatte sie damit, dass er am Schalter erklärte, entführt worden zu sein und sich selber befreit haben zu können. Jetzt fühlte er sich nicht ernst genommen, indem er gegenüber einem jungen Polizisten saß und sein Protokoll aufgab, als hätte jemand sein Handy gestohlen. Im Büro nebenan war bereits irgendetwas los. Es schien ebenfalls eine größere Sache zu sein, da sich dort deutlich mehr Menschen aufhielten. Vielleicht war das der Grund, warum nur ein Beamter für ihn zur Verfügung stand.

„Bitte konzentrieren sie sich!“, hörte er den jungen Polizisten sagen: „Wir müssen das unbedingt noch fertig aufnehmen.“

Er hatte von dem Beamten immerhin einige Kekse und einen Kaffee bekommen. Mehr hatten sie wohl nicht anzubieten. Aber dieser Moment war ohnehin so entscheidend, dass er seinen Hunger kaum spürte. Als sein Protokoll fertig war, ging der junge Polizist in das Nebenbüro. Anschließend hörte er Stühle verrücken und die Schritte mehrerer Menschen. Die Tür ging auf und ein Beamter in Zivil kam hindurch, gefolgt von dem Polizisten, der sein Protokoll aufgenommen hatte.

„Ist das der Mann?“, fragte der zivil bekleidete Beamte jemanden, der offensichtlich noch im Gang stand. Es durchfuhr ihn als ströme ein elektrischer Schlag durch seinen Körper und er fühlte, wie sich das Blut aus seinem Gesicht und Extremitäten zurückzog, um dann schlagartig in seinen Adern zu gefrieren, als der Mann im grauen Anzug durch die Tür schritt, ihn kurz musterte und emotionslos sprach: „Ja, danke, gute Arbeit Wachtmeister, wir können ihn gleich mitnehmen!“

Er schrie! Er schrie so laut er noch nie geschrieen hatte! Der markerschütternde Klang des Wortes: „Nein.“ ließ keinen der Polizisten kalt. Er begann zu klagen, zu flehen und fast sogar zu betteln, während er sich so schnell er nur konnte an die der Tür abgewandten Wand presste.

„Sie sagten doch, sie seien sein Arzt? Was soll das jetzt?“, fragte der Zivilpolizist.

„Es handelt sich um eine geistige Krankheit. Der Patient kann oft nicht unterscheiden, wer ihm helfen und wer ihm schaden will. Das war letzten Endes auch der Grund für seinen Ausbruch.“, antwortete der Mann im grauen Anzug wieder emotionslos und spontan.

„Gut. Ich kenn mich damit nicht aus. Aber irgendwas sagt mir, dass da was nicht stimmt.“, und mit diesem Worten gab der Beamte in Zivil seinem Kollegen das Kommando aufzupassen, während er den Mann im grauen Anzug und dessen Begleiter dazu aufforderte, ihm zu folgen. Von hier an herrschte Stille. Er saß gemeinsam mit dem jungen Polizisten in dem kleinen Büro und zitterte. Noch nie verging die Zeit langsamer als in den beiden Stunden, die er in diesem Raum saß. Ständig wälzte er Fragen über Fragen in seinem Kopf herum, was in der Welt draußen gerade geschehen mag. Immerhin schienen die Polizisten auf seiner Seite zu sein. Aber im Gegensatz zu seinen Peinigern konnte er die Situation jetzt nicht mehr beeinflussen. Würden also die Beamten auf irgendeinen Trick reinfallen? Oder würde er gar überhaupt mit Gewalt wieder entführt werden, sollte die Polizei ihn nicht herausgeben? Sein Herz raste und die Uhr schlich.

Schließlich öffnete sich die Tür, der Mann im grauen Anzug kam in das kleine Büro und machte Platz für seinen Begleiter, den Arzt. Dieser versuchte ihn, er hatte sich sofort wieder gegen die Rückwand gedrängt, unterm Arm zu packen um ihn hinauszuzerren.

„Nein!“, rief er, „Warum? Was ist hier los?“

„Hören Sie auf sich zu wehren und kommen Sie mit mir.“, sagte der Mann im grauen Anzug: „Ich kann ihnen helfen.“

„Nein… Nein, wenn mir jemand helfen kann dann er.“, und er deutete auf den Polizisten in Zivil.

„Hören sie auf!“, antwortete ihm dieser: „Wir haben die Anlage prüfen lassen, die sie uns beschrieben haben. Unsere eigenen Jungs waren dort. Das Gebäude existiert, aber es ist weit und breit kein Labor, wie sie es nennen. Sie können ihn mitnehmen.“

Er gab auf. Er sackte zusammen und hatte nicht mehr den geringsten Wunsch aufzustehen oder irgendeine andere Bewegung durchzuführen. Er könnte noch so viel reden, so viel sagen, doch der Moment war gekommen, an dem er genau wusste, dass er nichts mehr erreichen konnte. Letzten Endes nahm ihn der Arzt wieder unter dem Arm und führte ihn hinaus. Sie legten ihn wieder auf die Trage, fixierten ihn und fuhren los. Er selbst blickte starr an das Dach des Wagens und hörte auf zu fühlen und zu hoffen, während der Mann im grauen Anzug versuchte, ihm in die Augen zu schauen.

Der Wagen blieb stehen, die Tür ging auf, seine Bänder wurden gelöst und er wurde vom Mann im grauen Anzug gepackt und aus dem Wagen geworfen. „Raus!“, hörte er und landete im Dreck eines feuchten, brachen Ackers. „Stehen sie auf!“, und wenige Sekunden später spürte er einen Tritt in seinem Magen. „Stehen sie auf, verdammt noch mal!“, und diesmal traf der Tritt seine Brust. Langsam und nach Luft ringend richtete er sich auf. Er stand am Acker, dreckig, nass, voller Schmerzen und suchte mit dem Blick die Gegend ab. Vor ihm stand jetzt nur noch der Mann im grauen Anzug mit einer Pistole in der Hand. Der Arzt musste weitergefahren sein.

„Sie sind zäh! Sie halten lange durch!“, und der Mann richtete die Pistole auf ihn.

Er begann zu lachen: „Sie glauben, mich zu erschießen ist eine Drohung? Na los! Schießen Sie!“

„Und sie glauben, sie zu erschießen wäre tatsächlich eine Erlösung? Da wäre ich mir nicht so sicher.“

Ein unangenehmes Gefühl durchwanderte ihn. Als ob ein Lufthauch zugleich all seine Haut zur Gänsehaut werden ließ. Es war ihm unheimlich zumute und er bekam große Angst.

„Was meinen sie damit?“, fragte er zögerlich.

„Sehen sie in den Spiegel. Dann wissen sie es selber.“

Er sah den Mann im grauen Anzug ungläubig und verwirrt an. Er konnte sich nicht erklären, was für ein Spiegel gemeint sein könnte. Der Mann deutete mit seiner Waffe in eine Richtung. Er drehte den Kopf und sah tatsächlich einen Spiegel. Er war groß und oval und stand einfach so im Acker direkt neben ihm. Er drehte sich zu dem Spiegel um und sah sich selbst, jedoch völlig intakt! Er musste nach seinem Arm greifen, um zu glauben, er würde ihm tatsächlich fehlen, denn sein Körper war komplett im Spiegelbild. Aber seine Augen waren geschlossen. Und er schien auf einer Art Holzboden zu liegen. Außerdem kannte er den Spiegel! Er hatte ihn schon einmal gesehen, aber es war nicht im Labor und nicht auf der Reise. Es musste zuvor gewesen sein. Doch was war vorher? Er konnte sich nicht erinnern.

„Was ist das?“, schrie er dem Mann im grauen Anzug, der noch immer einige Meter von ihm entfernt den Lauf seiner Waffe auf ihn richtete, durch den Wind hindurch fragend zu.

„Das ist das, was sie für ihre Erlösung halten.“

Er wusste nicht, was es bedeuten sollte, aber er war fasziniert vom Bild im Spiegel und bemerkte, dass dort noch eine weitere Hand die seine hielt. Er ging ein paar Schritte zurück, um einen größeren Ausschnitt sehen zu können. Neben ihm lag eine Frau, hielt seine rechte Hand und weinte. Jetzt sah er auch, dass um seinen linken Arm ein Gummischlauch gebunden war.

„Sie sind ein Verlierer!“, rief ihm der Mann im grauen Anzug zu, „Hier werden sie wenigstens für etwas gebraucht!“

Er betrachtete immer noch das Bild im Spiegel und versuchte, jedes einzelne Detail wahrzunehmen. Die weinende Frau war wunderschön! Ihr Haar war brünett mit blonden Strähnen, sie war schlank, aber gut proportioniert und die Linien ihres Gesichtes zeigten Güte und Verständnis. Ihr Bauch trat etwas hervor und formte ein gleichmäßiges Kugelsegment. Sie trug ein Kind in sich! „Du siehst aus wie ein Engel.“, flüsterte er leise in Richtung ihres Abbildes.

Aber ihre Tränen waren nicht die eines physischen Schmerzes oder die von Sorgen oder Trauer. Sie schien am Ende zu sein. Sie weinte, weil sie nicht mehr anders konnte. Für Minuten schon lag sie so neben ihm und brach innerlich zusammen. Aber jetzt begann sie sich ein wenig zu fangen, setzte sich etwas auf, wischte die gröbsten Tränen aus ihrem Gesicht und ließ ihre Hand über seinen Körper gleiten, bis sie das auf seiner anderen Seite abgestellte Geschirr erreichte. Sie nahm es und auch das Feuerzeug, löste den Gummischlauch von seinem Arm und richtete alles vor sich her.

„Nein!“, rief er und drehte sich zu dem Mann im grauen Anzug, „Sie hat das noch nie gemacht! Sie kann es nicht! Sie wird sich umbringen!“

„Sie werden sie umbringen!“, war die Antwort!

Er verstand. Er kannte die Vergangenheit nun.

„Ich tue alles, damit das nicht passiert!“

„Haben sie denn geglaubt, sie könnten sich vor den Konsequenzen ihres Lebens davonstehlen oder freikaufen? Solche Dinge erfordern Opfer!“

Er klammerte sich an den Spiegel und schrie ihr zu, doch sie konnte nichts hören, sie merkte gar nichts und fuhr mit ihrem Handeln fort, band sich ihren Arm ab, nahm den Löffel und begann ihn zu erhitzen.

„Dann schießen sie! Ich kann es mir nicht ansehen!“, und mit diesen Worten sank er zu Boden. Während des Fallens hörte er noch den lauten Knall in seinen Ohren, bis er mit dem Rücken voran auf dem Boden aufschlug. Kein Muskel seines Körpers hörte noch auf die Kommandos seines Geistes und vor ihm stand der Himmel hoch und blau, bis wenige Sekunden später der Mann im grauen Anzug in sein Blickfeld trat und ihm die Augen schloss, während er spürte, wie die Tropfen über seine Stirn rannen. So lag er über den Ackerfurchen, die sich unter ihm erstreckten wie alte Holzdielen.

Sie saß neben ihm und begann die Spritze aufzuziehen. Sie kämpfte mit den Tränen. Im Moment gewann sie, noch vor einer Minute hätte sie nicht geglaubt, jemals wieder zu weinen aufhören zu können. Er hatte gedacht, es ihr verheimlichen zu können, aber natürlich wusste sie, was er tat. Sie wollte ihm helfen, doch eines Tages gewann die Ohnmacht über die Hoffnung und dieser Tag war heute! Sie hielt dem Druck nicht mehr stand, sie wusste nicht, was sie tat, aber es war ihr egal, denn sie musste nicht mehr unbedingt weiterleben. Sie drehte sich durch den Raum und betrachtete all die Dinge, die sich im Laufe der Zeit hier im Keller angesammelt hatten. Die alten Türen und Uhren aus der ehemaligen Tischlerei, die Faschingskostüme und Spielzeugwaffen aus längst vergangener Jugend, den grauen Anzug, der damals sehr schön war und den niemand weggeworfen hatte, weil es schade darum wäre, und den großen ovalen Spiegel, der im Eck stand. Sie blickte hinein und sah sich in die Augen. Sie musste selber über sich den Kopf schütteln, als sie die bedeutungs- und hoffnungslose Leere in ihnen sah. Davor lag er, regungslos, über die Holzdielen, die sich unter ihm erstreckten wie Ackerfurchen. Die Wut übermannte sie und sie griff nach dem nächstbesten Gegenstand, den sie finden konnte, und warf ihn gegen den Spiegel.

Ein Herzschlag so stark wie hundert andere weckte ihn und er riss die Augen weit auf. Mit einem starken Einatmen erhob er sich viel zu schnell und konnte sie gerade noch umarmen und festhalten, bevor ihm vom schnellen Aufrichten schwarz vor Augen wurde. Als er sich wenige Sekunden später wieder gefangen hatte, hatte auch sie ihn bereits umarmt und weinte Tränen der Erleichterung.

Er wusste nicht, was genau passiert war, doch in einem der spiegelnden Fragmente, die am Boden verstreut lagen, erblickte er die Reflektion seiner eigenen Augen und sah das erste Mal seit langem Hoffnung und Zuversicht im Spiegel seiner Seele.

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